„Ich bin hier, um die Zahlen zu liefern.“ Wenn das dein einziger Anker ist, hast du ein Problem. Denn was passiert mit deiner Identität, wenn die Zahlen mal nicht stimmen? (Spoiler: Die Krise ist vorprogrammiert). Hast du dich schon mal gefragt, wer übrig bleibt, wenn man dir morgen dein Team, dein Budget und deine Visitenkarte wegnimmt?
Die Einsamkeit an der Spitze
Stell dir vor, es ist Dienstagabend, 19:30 Uhr. Das Büro ist fast leer, nur das Surren der Klimaanlage begleitet dich. Du starrst auf das Dashboard. Die Kennzahlen gehen entgegen deiner Erwartungen nach unten. In diesem Moment spürst du es: diesen dumpfen Druck in der Magengrube. Es ist nicht nur die Sorge um das Quartalsergebnis. Es ist die Angst, dass mit dem Erfolg auch dein eigener Wert schwindet.
In meiner täglichen Arbeit als Coach für Führungskräfte sehe ich dieses Phänomen häufig. Führungskräfte sind exzellent darin, Managementsysteme zu steuern, verlieren aber den Kontakt zu ihrem eigenen inneren Betriebssystem. Inner Leadership beginnt dort, wo die Kennzahlen aufhören. Es geht um deinen Identitätsanker.
Die Falle des „defensiven Warums“
Warum tust du, was du tust? Die meisten Führungskräfte antworten darauf mit einem „Warum“, das rein nach außen gerichtet ist: „Weil ich Verantwortung für 50 Mitarbeiter trage“, „Weil ich das Projekt zum Erfolg führen will“, „Weil ich meine Ziele erreichen muss“.
Das Problem? Ich nenne das ein defensives Warum. Es ist eine Identität, die an Bedingungen geknüpft ist.
- Wenn das Projekt scheitert, scheiterst du als Mensch.
- Wenn das Team unzufrieden ist, zweifelst du an deinem Wert.
- Wenn der Markt sich dreht, bricht dein Fundament weg.
Das ist ein Problem. Für die betroffene Führungskraft UND für die betroffene Organisation. Das ist kein Wellness-Thema, es geht nicht um “Lifestyle-Teilzeit” oder “Work-Life-Balance”. Es geht um gelebtes Risikomanagement.
Wer sich nur über äußere Attribute definiert, ist anfällig für Sinnkrisen und psychische Erschöpfung. Der Fehlzeiten-Report 2024 zeigt deutlich: Die psychische Belastung steigt massiv an, wenn die emotionale Bindung und die Sinnerfüllung fehlen. Aus der Arbeitspsychologie wissen wir: Wer rein extrinsisch motiviert ist, brennt schneller aus, als er „Monatsabschluss“ sagen kann.
Vom Funktionieren zum Sein: Dein „Wozu“ als innerer Antreiber
Hier kommt die Positive Psychologie ins Spiel, speziell das Konzept der Eudaimonia. Es geht nicht um das flüchtige Glück eines erreichten Meilensteins (Hedonia), sondern um Sinnerfüllung durch die Entfaltung von Potenzialen.
Nach der Sinnforscherin Tatjana Schnell brauchen wir ein eudaimonisches „Wozu“. Während das „Warum“ oft in der Vergangenheit oder in Sachzwängen wurzelt, ist das „Wozu“ zukunftsorientiert und wertebasiert. Es ist deine Generativität: Der Wunsch, etwas zu schaffen, das bleibt, unabhängig von der aktuellen Tabellenkalkulation.
- Sinnstiftung als Business-Case: Sinnerfülltes Arbeiten ist kein „Nice-to-have“. Es erhöht die Resilienz und die Selbstwirksamkeit. Etwas weniger begriffsschwanger: Wer weiß, wozu er:sie etwas macht, ist eher bereit mit Widerständen zu überwinden (Resilienz) UND er:sie anerkennt, dass er:sie mit dem eigenen Tun etwas bewirken kann (Selbstwirksamkeit).
- Der Identitätsanker: Dein „Wozu“ ist der Teil deiner Persönlichkeit, der stabil bleibt, auch wenn es im Außen stürmt. Es ist dein Schutzschild gegen Burnout.
- Positive Self-Leadership (Inner Leadership) & Positive Self-Leadership(PERMA-Lead): Wenn du als Leader deinen Anker kennst, kannst du auch deinem Team Sinn (Meaning) vermitteln. Das ist der stärkste Hebel für Engagement und Bindung. Bei dir selbst und in deinem Team.
Der Weg zur Souveränität
Wie finden wir diesen Anker? In unseren Einzelcoachings für Professionals nutze ich einen systemisch-konstruktivistischen Ansatz. Wir schauen nicht nur auf deine Kompetenzmatrix, sondern auf deine Identität als Ganzes.
Ein Beispiel aus der Praxis (anonymisiert): Ein erfahrener Projektleiter fühlte sich ausgebrannt. obwohl die Leistung des Teams und die Zahlen stimmten. Im Coaching entdeckten wir, dass sein Anker nicht das „Liefern von Ergebnissen“ war, sondern das „Ermöglichen von Wachstum bei anderen“. Als er sein „Wozu“ erkannte, änderte sich seine gesamte Ausstrahlung. Im Coaching konnten wir gemeinsam einige (scheinbar kleine) Interventionen für die tägliche Praxis entwickeln: Ein paar gezielte Fragen für das 1:1 und bei Team-Meetings, ein bisschen mehr Beziehungsarbeit dort und dazu ein Schuss gepflegten Smalltalk in der Tee-Küche Er wurde souveräner und gelassener (und die Kennzahlen des Teams stiegen auch).
Warum Einzelcoaching für dich der Gamechanger ist:
- Psychologische Tiefe: Wir arbeiten nicht mit Tschakka-Parolen und toxischer Positivität (“Du musst nur fest daran glauben, dann kansst du …“), sondern auf empirischer Basis der Arbeits- und Gesundheitspsychologie.
- Systemischer Blick: Wir betrachten dich und deine Rollen im Kontext deiner Organisation, egal ob im klassischen Projektmanagement (IPMA) oder im agilen Umfeld mit Scrum und Co.
- Wirksamkeit: Wir finden Interventionen, Tools & Ressourcen, die dich langfristig tragen: Ein kleiner Mehraufwand mit großem Effekt für deine mentale Gesundheit.
Umsetzbare Erkenntnisse: Dein Quick-Start zur Selbstführung
Du musst nicht sofort dein ganzes Leben umkrempeln. Fang klein an, mit einer Variante der 3-Good-Things-Exercise
- Schreibe einmal pro Tag 3 Dinge auf, die dir gut gelungen sind und/oder Freude bereitet haben
- Statt “was war mein Anteil” (wie in der Originalversion) schreibst du in Stichworten auf, welche Werte und/oder Stärken du hierbei anwenden konntest
Beispiel:
Ich habe einer Kollegin geholfen, die Vorbereitung für einen Workshop abzuschließen. + Teamwork und Freundlichkeit

Tipp: Einen sehr guten Raster geben die 24 Charakterstärken (Values in Action) von Peterson & Seligman. Einen kostenlosen deutschsprachigen Test gibt´s unter persoenlichkeitsstaerken.ch
Fazit: Vom HABEN zum SEIN
Wahre Führung beginnt innen. Wenn du deinen Identitätsanker jenseits der Kennzahlen kennst, führst du nicht mehr aus einer Position des Mangels oder der Angst vor dem Scheitern, sondern aus einer Position der Stärke und Souveränität. Das macht dich nicht nur zu einem besseren Leader, sondern schützt auch deine wertvollste Ressource: deine psychische Gesundheit.
Frei nach Erich Fromm:
Es ist Zeit, vom bloßen Funktionieren, die richtigen KPIs HABEN,
ins wertgeleitete Handeln, ins Echt-sein-dürfen, ins echte SEIN zu kommen.
Quellen
- Schnell, T. (2016). Psychologie des Lebenssinns. Springer.
- Ebner, M. (2024). Positive Leadership: PERMA-Lead.
- AOK Fehlzeiten-Report (2024). Zusammenhang zwischen emotionaler Bindung und psychischer Gesundheit.
- Fromm, E. (1976). Haben oder Sein Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.
